Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte

Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte

Eine Bemerkung vorneweg, Negativraum ist nicht psychologisch zu verstehen. Negativraum ist also nicht „schlecht“ und Positivraum ist nicht „gut“.

 

Wie du sicher schon weißt, bin ich ja hauptberuflich Erzählerin & Geschichtenspielerin. Doch gab es Jahre, in denen ich von der bildenden Kunst lebte. Ich pendle also mein Leben lang zwischen bildender und darstellender Kunst und eigentlich sind das für mich keine getrennten Bereiche. Ohne Frage, sie gehören für mich zusammen.

Deshalb packe ich immer auch die darstellende Erzählkunst mit den Gesetzmäßigkeiten der bildenden Kunst an.

Ich denke in Komposition, formalem Aufbau, Schwerpunkt, Kontrast, Licht und Schatten, Farbigkeit, Klang, Perspektive, Dynamik. Ja, und eben auch in Raum: Positiv- und Negativraum. Und darüber schreibe ich heute …

Negativraum (negativer Raum) ist ein Begriff, der in der bildenden Kunst üblich ist. Damit wird der Bereich außerhalb des eigentlichen Objektes bzw. Motivs bezeichnet.

Eine Skulptur hat immer eine bestimmte Form aus Material. Der Raum, den eine Skulptur einnimmt, wird als Positivraum bezeichnet.

Alles, was um die Figur herum ist, also nicht zur Skulptur gehört, ist der Negativraum.

Du könnest auch sagen, der Positivraum ist der Teil der Skulptur, den du mit den Händen anfassen kannst. Der Negativraum ist der Raum der Luft, den die Skulptur mit ihrer Aussenhaut formt.

Kennst du zum Beispiel die Skulpturen von Henry Moore? Bei ihm kannst du gut die Wirkung des Negativ- und Positivraums beobachten.

 

Artikelfoto: Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte

 

Negativraum gibt Durchblicke frei

Du kannst auch bei einem Tor, wie z.B. auf dem Foto hier auf der Seite, den Unterschied zwischen Positivraum und Negativraum erkennen.

Der Positivraum ist die Materie, also die Mauer aus Steinen. Der Durchgang ist der Negativraum.

Wenn du vor dem Tor stehst, was nimmst du als erstes wahr? Die Konstruktion des Tors, also Mauerwerk, Seitenwand und Türsturz? Oder die Öffnung, durch die du hindurch gehen kannst, durch die du die Landschaft hinter dem Tor sehen kannst?

Genau in dem Bereich, wo keine feste, sichtbare Materie ist, genau dort ist Übergang, Verbindung, Kommunikation möglich. Der Durchbruch ist der Übergang zwischen verschiedenen Bereichen.

Erst mit dem Kontrast zwischen geschlossen und offen bekommt der Ausblick seine Dramatik; bekommt die Mauer einen Rhythmus. Eines wirkt auf das andere.

Jeder Bildhauer, der eine Skulptur im Öffentlichen Raum aufstellt, berücksichtig immer auch die Umgebung, in der die Skulptur steht. Denn der Umraum ist immer auch Teil der Skulptur.

 

Artikelfoto: Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte

 

Und was hat der Negativraum mit dem Erzählen und Schreiben zu tun?

Stell dir vor, dass du beim Erzählen eine klingende Skulptur aus Worten baust. Auch beim Umgang mit Worten gibt es so was wie Positiv- und Negativraum.

Auch die Teile der Geschichte, die du NICHT erzählst, sind Teil der Geschichte.

Unterschätze nie die Wirkung der Worte, die du nicht aussprichst. Weder beim Erzählen, noch im Leben.  Das kannst du nun durchaus auch psychologisch verstehen.

Die nicht gesagten Worte sind wie die Durchbrüche in einer Skulptur, wie der Durchgang eines Torbogens.

Du musst nicht alles haarklein erklären und in Worten ausdrücken! Es reicht beim Erzählen, wenn du es denkst, es vor deinem inneren Auge klar siehst.

Wie der Ausblick durch das Tor, bietet gerade das Nicht-Erzählte einen Ausblick auf weitere Räume. Es macht neugierig, gibt der Erzählung Luft und Freiraum. Nichterzähltes lässt der Fantasie und Kreativität der Zuschauer die Freiheit, sich die Teile der Geschichte selber vorzustellen.

 

Spiele beim Erzählen mit Positiv- und Negativraum

Zum Beispiel beschreibst du einmal eine bestimmte Person, wie sie aussieht, wie ihr Charakter ist, was sie tut, warum sie es tut. Das entspricht dem Positivraum einer Skulptur.

Du baust die Figur, die du anfassen kannst. „Sie war fleissig und gut.“ Häufig sind Märchen so niedergeschrieben. Sie beschreiben oftmals nicht nur die Person, sondern auch ihre moralische Lebenseinstellung und wie sie sich verhält.

Beschreibe eine andere Person nur dadurch, indem du ihr Umfeld, ihren Umraum beschreibst. Du zeigst, wie ihr Haus aussieht, wie andere auf sie reagieren. Du erzählst von Auswirkungen ihrer Handlungen auf ihr Umfeld. So erzähltes entspricht dem Negativraum einer Skulptur.

Das ist die Kunst des Erzählers mit dem Kontrast zwischen Positiv- und Negativraum zu spielen. 

Immer mal wieder bekomme ich von jemanden ein selbstgeschriebenes Märchen zum Lesen. Häufig strotzen diese Märchen von Adjektiven und Adverbien, die dem Leser kaum Freiheit für eigene Vorstellungen lassen. Besonders Anfänger vertrauen zu wenig auf die Wirkung der nichtgesagten Worte.

Gut erzählte Geschichten benennen nicht alles bis ins kleinste Detail. Sie schaffen Bilder mit nicht zu viel und nicht zu wenig Information.

 

Artikelfoto: Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte

 

Die Stille klingen lassen

Negativraum heißt auch manchmal einfach nichts zu sagen. Die Stille klingen lassen.

Stille ist was anderes, als nur Abwesenheit von Worten.

Sie ist auch Raum, der klingt. Und was aussagt.

Nicht erzählte Worte sind auch Raum, in dem etwas geschieht. Sie sind keine leeren Löcher.

Pausen sind keine Löcher, sondern bringen Kontrast und Dynamik in eine Geschichte.

Du kannst es leicht beobachten, wenn jemand dich nonstop zutextet und dich mit einem Wortschwall übergiesst. Das wird schnell langweilig, der Zuhörer schaltet ab. Der Kontast zwischen Reden und Stille, zwischen Erzähltem und Nichterzähltem, fehlt.

 

So, genug der Worte, ran ans Werk!

Die Grundübung

Um alles, von dem ich hier erzähle, zu verstehen, nimm dir ein bisschen Zeit für das Folgende.

Als erstes mach diese klassische Zeichenübung:

Nimm einen Hocker oder Stuhl mit Querholmen zwischen den Stuhlfüßen. Nur Mut! Versuchs, egal, wie geübt du im Zeichnen bist! Es kommt ja hier nicht auf die Zeichnung an, sondern um die Schulung deines Blicks. 

  1. Zeichne den Hocker, indem du das Holz, also die Materie, des Hockers zeichnest. Du zeichnest jetzt den Positivraum.
  2. Zeichne den Hocker, indem du nur die Zwischenräume zeichnest. Also den Raum, die Luft und das, was du vom Hintergrund zwischen den Stuhlfüßen und seinen Querholmen siehst. So, jetzt zeichnest du den Negativraum.

Hasts probiert? Super! Ich bin mir sicher, du hast nun gesehen, von was ich in diesem Text schreibe …

 

Noch ein paar Anregungen fürs Erzählen

Wie du durch „Negativraum“ mehr Luft in deine Erzählungen bekommst:

  • Schau dir die Geschichten an, die du erzählst. Schau dir vor allem die Beschreibung der Personen an, der Protagonisten, Figuren, Charaktere, die in der Geschichte vorkommen
  • Kannst du erkennen, wen du „positiv“, wen „negativ“ beschreibst?
  • Hast du bisher gewohnheitsmäßig über den Positivraum erzählt? Dann nimm dir eine Figur der Geschichten vor und versuche sie durch ihr Umfeld zu beschreiben.

 

Foto: Die Oberflächenstruktur der rotocker-farbenen Mauer habe ich vom Himalaya (Ladakh) mitgebracht


Kannst du meinen Gedanken folgen? Falls nicht, dann kannst du mich fragen. So richtig wird der Groschen jedoch fallen, wenn du aktiv wirst.

 

 

 

Blick durch ein Tor in Ladakh - Artikelfoto: Vom Negativraum und der Wirkung nicht gesagter Worte
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