Gedanken zum Schattenspiel: Zwischen Schein und Sein

Über das Schattenspiel: Zwischen Schein und Sein

Beim Aufräumen im Büro fiel mir ein Text über das Schattenspiel in die Hände. Vermutlich Mitte der `90er Jahre geschrieben, als ich noch zukünftigen Kunsttherapeuten die therapeutische Wirkung vom Schattenspiel nahebrachte.

Über 11 Jahre habe ich in Hochschulen in Deutschland und Finnland als Dozentin unterrichtet. Mein thematischer Schwerpunkt war „Improvisation, Maskenbau und Maskenspiel, Papiertheater und Schattenspiel in der Therapie“.

Wenn ich heute den damals geschriebenen Text lese, muss ich über meinen Therapeutenjargon schmunzeln.

Erst war ich versucht das Ganze umzuschreiben, entscheide mich jetzt aber, nichts daran zu ändern. Kunsttherapie war eine langjährige Station in meinem Leben und hat sich deshalb auch in meiner künstlerischen Arbeit niedergeschlagen.

 

Gedanken zum Schattenspiel

Eine „kleine erhellte Wand“, der Spielschirm, bildet die Grenze zwischen Betrachter und den Spielern, den Figuren, dem Licht. Das Spiel erscheint dem im Dunkel sitzenden Zuschauer auf diesem Grenzbereich. Er erlebt auf dem Schirm, aber auch durch den Schirm das Geschehen. Diese errichtete Wand, diese Grenze gibt dem Schattenspiel seine eigentümliche Intimität und Abgeschlossenheit.

Erst durch den Schirm wird Schatten sichtbar.

Die Figur grenzt das Licht an bestimmten Stellen aus und verhindert so sein Auftreffen auf den Schirm. Sie bildet den Widerstand vor der grenzenlosen Ausbreitung des Lichtes. Grenzen machen somit Dinge deutlich, veranschaulichen Situationen. Gäbe es nirgends grenzensetzende Flächen, wäre überall Licht.

 

Grenzgänger zwischen Schein und Sein

Der Schirm des Schattenspiels bildet die Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit. Hier erscheint das Bild dessen, was dahinter liegt und bietet sich dem Zuschauer an als Projektionsebene für die eigenen inneren Bilder.

Die Schatten der Figuren sind irreal, abgehoben von dem schattenwerfenden Objekt. Der Schatten ist Abbild. Um zu erscheinen braucht er eine Ebene zwischen Objekt und dem Betrachter. Auf dieser Grenzebene erscheint er irgendwie abstrahiert, frei von Materie und doch so lebendig und faszinierend.

Dem Zuschauer erscheint er eher als Negativform, wie ein schwarzes Loch. Ein dunkles Gefäß, dessen Rand durch den Beginn des Lichtumfeldes zwar definiert  und begrenzt ist, dessen Inneres jedoch offen für das ist, was aus dem Inneren des Beschauers hineingelegt werden möchte.

Je einfacher und undifferenzierter die Form der Figur gestaltet wurde, desto mehr Raum können diese eigenen, darauf projizierten Bilder einnehmen.

Der Schatten einer jeden Figur ist sozusagen eine Imaginationsformel, die mit ihrer stilisierten Gebärdensprache im Zuschauer bestimmte Bilder und Gefühlswerte auslöst.

So kann der Schatten wie ein Spiegel wirken. Ein Spiegel, der sozusagen das „Innere Antlitz“ spiegelt.

 

Durch seine andere Dimension scheint der Schatten eine Beziehung zu unseren Traumbildern zu haben

Die Schattenkonturen erscheinen einmal klar und scharf umrissen, dann wieder verschwommen und unklar. Damit wird eine traumhafte Wirkung erzeugt, die den Zuschauer in einen Zustand erhebt, der der  Traumebene ähnlich ist.

Im Dunkeln sitzend, sind andere Reize und Ablenkungen weitgehend ausgeschaltet. So konzentriert sich der Blick der Zuschauer, auf das bewegliche Bild, auf dieses bewegende Gleichnis.
Schattenspiel hat eine innere Wirkung, sein Wesen ist introvertiert und wird eher emotional erlebt.

Das Spiel in einer Schattenbühne unterscheidet sich zu anderen Spielformen, wie Handpuppen-, Marionetten- oder Schauspiel, auch durch die Richtung des Lichts. Beim Schattenspiel kommt die Beleuchtung von hinter dem Spieler, er gibt sein Spiel in den Strom des Lichtes. Bei allen anderen Spielformen spielt man gegen das Licht, das von vorne kommt.

Der Schatten hat zu allen Zeiten und bei allen Völkern an sich und als Symbol eine geheimnisvolle Rolle gespielt, sein Unwirklich – Wirkliches hat die Menschen immer stark beschäftigt.

 

Im Schatten erscheint die Seele

Bei vielen indigenen Völkern finden sich  Überlieferungen, dass in der Lichtlosigkeit des Schattens die sonst unsichtbare Seele der Menschen zur Erscheinung kommt. Vielfach ist es auch die Gegenseele, der Gegenpol des eigenen Wesens, beim Manne also der weibliche Seelenpol, bei der Frau der männliche.

Beispielsweise wurde auf Neuguinea zwischen zwei gegenpoligen Offenbarungen der Seele unterschieden, der durch Spiegelung des Menschen und der durch seinen Schatten. Während der Schatten durch direkte Bestrahlung bewirkt wird, entsteht die Spiegelung durch reflektiertes Licht. Mit Schatten und Spiegel kann deshalb gezaubert werden: die Märchen und Mythen sind voll davon.

Himmel und Erde begegnen sich, in dem beweglichen durchleuchteten Bild, das die Polaritäten von Licht und Schatten enthält. Es stellt den Bereich dar, wo Götter und Menschen miteinander sprechen.

 

Geschichten über die Entstehung des Schattenspiels

Man erzählt in Indien folgende Geschichte über die Entstehung des Schattenspiels :
Ein Derwisch musste wichtige Entscheidungen fällen. Er war tagelang in ernster Sorge und versuchte von seinem verstorbenen Ahnen Hilfe zu bekommen. Als er aber keine Verbindung zu ihm erwirken konnte, ging er in seiner Verzweiflung hinaus ans Meer und fing einen Fisch, zog ihm die Haut ab und trocknete sie. Dann schnitt er die Gestalt seines Ahnen aus der Fischhaut. Und als er diese in der Nacht gegen das Mondlicht hielt begann die Figur zu leben und sprach mit ihm.

Eine andere Ursprungslegende erzählt von einem chinesischen Kaiser, dessen Lieblingsfrau gestorben war und deren Geist durch einen Schattenspieler heraufbeschworen wurde.

Auf diese Weise hielt man Zwiesprache mit den Toten und den Göttern.

So geht im rituellen Schattenspiel ein alter Menschheitswunsch in Erfüllung: die Grenze zwischen Lebenden und dem Totenreich, dem Reich der Schatten, ist aufgehoben. Das Geheimnis des Lebens und des Todes wird offenbart und überwunden.

 

Tuch des Traumes

Alte Bezeichnungen für den Spielschirm bestätigen diese Verbindung von Schatten, Leben und Tod.

So wurde er in Arabien „Tuch des Traumes, Hülle des Geheimnisses der Allmacht“ genannt.
Im alten China, dem Land wo die Farbe der Trauer weiß ist, wird er als „Tuch des Todes„,
in der Türkei als der „Vorhang des Aufbruches ( der Todesstunde )“ bezeichnet.

In ihrer Abstraktion werden die erscheinenden Schatten zur überindividuellen Personifikation. Fern von der Wirklichkeit stehen sie als gleichnishaftes SinnBild des im Totenreiche weilenden Menschen.

So gesehen könnte man die Schatten als Projektionen aus einen höheren Reiche in ein niederes verstehen. Insofern ist alles Sinnliche Schatten eines Übersinnlichen.

 


Schön, dass du meine Gedanken zum Schattenspiel gelesen hast!

Ziemlich philosophisch das Ganze, oder?

Trotzdem kann ich noch immer hinter dem stehen, was ich da an Gedanken äusserte. Der Text ist wie ein Konzentrat all dieser Jahre, in denen ich mich mit dem Ursprung und der Geschichte des Schattenspiels, seiner Verbindung zwischen Heilung, Zeremonie und Totenritual beschäftigte.

Um mehr darüber heraus zu finden, war ich Anfangs der 80er Jahre auf einer 3-monatigen Recherchenreise auf Java, Bali und Lombok. Auf Bali konnte ich Schattenspielaufführungen im Tempel erleben und konnte zusehen, wie Schattenfiguren aus dünnem Leder geschnitten wurden … Von der Reise in die Welt des Schattentheaters und ihre Auswirkungen auf meine künstlerische Arbeit werde ich demnächst mehr berichten.

Hast du noch Fragen dazu? Welche Erfahrungen hast du schon mit dem Schattentheater gemacht?


Mein Lesetipp:

Die Welt des Schattentheaters – Von Asien bis Europa (*Werbung: bei Amazon anschauen)

In meinem Erzählprogramm „Von Drachen und Unsterblichen – Mythische Erzählreise nach Vietnam und Südostasien“ kannst du aus Bali eine Geschichte über das Schattentheater hören und ansehen. Ich bin mobil, du kannst mich damit buchen! Mehr dazu: Von Drachengeschichten, Bären und kleinen Vergnügen

 

 

Figur vom indonesischen Schattenspiel Wayang Kulit - Artikelfoto: Gedanken zum Schattenspiel: Zwischen Schein und Sein

 

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