Silant, der Drache von Kasan (Tatarstan), Street Art im Künstlerzentrum Alafuzov Loft

Street Art Hotspot Tatarstan – Im fernen Osten Europas

Die grosse Maske in Weiß markiert den Eingang. Gut drei Mann hoch lehnt sie an der Backsteinwand des alten Fabrikgebäudes. Der Weg, eher ein Trampelpfad, an manchen Stellen voller Pfützen. Hier soll es interessante Street Art geben.

Ich bin auf Reisen: in Kasan, der Hauptstadt Tatarstans. Im fernen Osten Europas.

Der Herbst hat sich angekündigt, mit grauen Wolken, Wind und Regen.

Eine zerissene Plastiktüte, angefressene Knochenstücke, blutige Fleischfetzen. Ein paar räudige Hunde zerren die Tüte samt Inhalt über den Weg.

Wo bin ich hier?

Ein alter Schlachthof oder was?

 

Streetart, Künstlerzentrum Alafuzov Loft, Kasan, Tatarstan

 

Links am Gebäude reiht sich ein Graffiti ans andere. Streetart, offensichtlich von verschiedenen Künstlern gemacht. Stil und Hand­schriften variieren; mal comicartig – urban, psychedelisch, realistisch, abstrakt.

Ich erkenne SpongeBob, surreale Traumlandschaften, politische Botschaften, fotorealistische Porträts.

Eine Treppe aus gestapelten Paletten führt zu einer Tür, bewacht von Silant, dem Drachen von Kasan. Ist das der Eingang zu einem Theater?

Zerbrochene Fensterscheiben, ein Loch in der Wand. Übermalte Fenster. Maschinenteile rosten vor sich hin. Sie vermischen sich mit den gemalten Farblandschaften.

Vieles scheint zufällig und doch wirkt es als Ganzes, irgendwo zwischen Verfall und Gestaltung.

Ein Mann steigt aus einem Fenster aufs Dach. Ruft mir was zu. Auf russisch. Ich antworte:

„Sorry, I don’t speak russian.“
„What time is it, please?“
Ein Ort der Zeitlosigkeit.

Überall Malereien an den Mauern. Zwei Hausecken weiter lehnen noch mehr Riesenmasken an einer bemalten Bretterwand. Autos stehen davor. Surreale Malerei daneben.

Nochmals um die Ecke. Ein Innenhof. An einem langen improvisierten Tisch sitzt eine Gruppe von Leuten. Jeder hat ein Laptop vor sich. Die angebissenen Äpfel leuchten.

Weitere Graffiti an den Wänden, Loungesessel aus Paletten, einige Büsche, schräg stehende Birken. Ein Haufen grauverwitterte Bretter. Und überall Stapel von alten, handgeformten Backsteinen.

Ein Banner zeigt den Namen des Ortes: Alafuzov Loft

 

Alafuzov Loft

Wir kommen mit den Leuten ins Gespräch.

Es stellt sich raus, wir sind in einem Künstlerzentrum gelandet.

Eine Frau führt uns durch das alte Fabrikgebäude.

Disco, Bar, 3 Theater in verschiedenen Größen, vom kleinen Raum für ein intimes Publikum von ca. 50 Personen bis zu grossen Veranstaltungsräumen. Im mittelgroßen Theater stehen Requisiten auf der Bühne, Schlagzeug, Betonmischer und weisser Schleier. Das Spektrum der Veranstaltungen ist so vielfältig, wie die Räume: von Hard Rock, Theater, Jazz, Ausstellungen, Fusion, Performance bis zu Flamenco.

Die Einrichtung aus alten Kabeltrommeln, recycelten Glasbausteinen, Maschinenteilen und Kleiderspinden. Und überall laden Lounge Sessel aus Paletten ein, sich niederzulassen.

 

Bar und Veranstaltungsraum, Künstlerzentrum Alafuzov Loft, Kasan, Tatarstan

 

Ein Geheimtipp

Unsere Reiseführerin Zoya ist sprachlos,

„Jetzt lebe ich in Kasan und kenne diesen Ort nicht. Ich war noch nie hier …“

Da wird sie nicht die Einzige in Kasan sein. Manch fleissiger Besucher im Museum ist ja noch immer befremdet von Street Art …

Überall wird gebaut. Im Obergeschoss werden Zwischenwände hochgezogen. Aus alten Backsteinen, die bestimmt von einem anderen Teil des Fabrikgebäudes stammen. Hier entsteht ein Fotostudio. Sicher eine inspirierende Kulisse vor den Wänden, die von vergangener Zeit erzählen.

Mein Blick wandert aus dem Fenster. Das glatte Weiß einer grossen weißen Maske kontrastiert mit dem rauen Rotbraun der Backsteine.

Der Ort brummt vor Kunst und Kreativität.

Mein Herz hüpft. Ich mag es, wenn aus „Nichts was gemacht“ wird. 

Wieder nach draussen und eine abenteuerliche Palettentreppe bis auf das Dach über dem 2. oder 3. Stock. Das Treppen­geländer wackelt bedenklich, oft fehlt eine Stufe. Ich bin in meinem Element.

Viel zu selten bin ich in den letzten Jahren in Abbruchhäusern herumgestrolcht.

Wenn du hier im Blog schon eine Zeitlang mitliest, dann weißt du ja, dass ich so eine Mischung von Alt und Unperfekt – Lost Places, an denen der Zahn der Zeit nagt, sehr inspirierend finde. 

Dann auf dem Dach. Die Dachpappe ist an vielen Stellen löchrig, Birken fanden in den Rissen Platz zum Keimen. Manche sind schon zwei Mann hoch und gut verwurzelt.

Der Häuslebauer in mir denkt:

„Was für ein Riesenprojekt! Da regnet es bestimmt rein … was das kostet … Hoffentlich können sie es halten und die viele Arbeit und Mühe ist nicht umsonst!“

Das alte Firmenschild gibt einen rostigen Rahmen für einen sensationellen Blick auf Kasans Kreml.

„Wenn ich in Kasan leben würde, wär ich bestimmt oft hier … das wäre sicher auch eine tolle Location, um einen Film zu drehen …“

denke ich und ein Satz setzt sich mir im Kopf fest:

„Kreativität braucht Freiräume!“

 

Riesige weiße Maske im Künstlerzentrum Alafuzov Loft in Kasan (Tatarstan)

 

Erinnerungen steigen auf

Diese alte Fabrik erinnert mich an die 70er Jahre in meiner Heimatstadt Heilbronn. Damals, als wir das 1. Jugendhaus in Selbstver­waltung gründeten. In der Industriebrache einer aufgegebenen Metallwarenfabrik. Erst Hausbesetzung, dann geduldetes Jugendhaus in Selbstverwaltung.

Wände wurden bemalt, man nannte es damals noch nicht Streetart. Draußen im Hof entstand ein monumentales Xylophon aus Maschinenteilen aus Metall. Die Teestube mit geschenkten Teppichen und Sperrmüllsesseln eingerichtet.

Auch dieser Ort brummte vor Kreativität. Und die ist immer für öffentliche Ämter bedrohlich, weil unkontrollierbar und in ihren Augen „Wildwuchs“.

Dann kam der Winter und das Heizungsproblem. Denn das alte Verwaltungsgebäude der Fabrik war ja eigentlich nicht mehr in Schuss.

Mit der Zeit erkannte die Stadtverwaltung die Notwendigkeit eines Jugendhauses. Das improvisierte wurde geschlossen, ein zentral gelegenes Haus von der Stadt gekauft und umgebaut. Mitarbeiter angestellt. Das Haus perfekt gestrichen und eingerichtet.

Doch keiner ging hin.

Den Jugendlichen war durch die gutgemeinte Handlung der Stadt der Wind aus der Segeln genommen. Sie waren mit diesem Haus nicht verbunden.

Alles war zu perfekt und steril. Unkreativ.

 

Graffiti im Künstlerzentrum Alafuzov Loft in Kasan

 

… All das ging mir durch den Kopf dort im fernen Kasan, in dieser Kreativfabrik, zwischen Graffiti, Streetart und dem Staub der letzten Jahrhunderte. Und ich dachte:

„Hoffentlich ist diesem Projekt hier ein anderes Schicksal beschieden, wie damals dem Jugendhaus und all den anderen … hoffentlich kommt nicht irgendein Investor, reißt das Ganze ab und baut dort Hochhäuser, wo jetzt Street Art und Kunst blühen …“

 

Kreativität braucht Freiräume

Mit all den Regeln, die in vielen Gesellschaften aufgestellt werden, wird der Freiraum einengt, den die Kreativität braucht, um sich zu entfalten.

Im rasanten Wandel und im Umbruch einer Großstadt ergeben sich manchmal solche Freiräume – leider meist nur auf Zeit, bis die Abbruchfirma kommt und aus den Künstlerateliers teure Luxuswohnungen werden. Kein Wunder, dass deshalb Städte, wie New York, London und Berlin, Zentren von Street Art und Kunst sind. 

Es ist wichtig Freiräume und Zeitlosigkeit ins Künstlerleben zu bringen.

Wenn alles um dich herum so perfekt ist, wie z.B. bei mir im Schwabenland, ist es oft schwer in Kontakt zur wilden Kreativität zu bleiben. Deshalb ist es für mich überlebensnotwendig zu reisen, anderes zu erleben und Orte, wie diese Fabrik, zu entdecken. Das gibt Raum und Nahrung für Kunst und Kreativität.

Zurück nach Kasan …

 

Street Art in Kasan

Kasan ist eine moderne Stadt: clean renovierte Pracht der Jahrhundertwende wechselt mit zeitgenössisch-verglasten Hochhäusern und sowjetischen Plattenbauten. Schon beim Vorbeifahren fiel mir in Kasan die Street Art auf. Vor allem auf den Häuserwänden von Wohnblocks entdeckte ich riesige Wandmalereien.

Also, wenn du Kasan besuchst, dann geh speziell auf eine Street Art Tour. Das kann ich nur empfehlen, es lohnt sich!

Vielleicht bietet ja das staatliche Tourist Büro Visit Tatarstan auch bald Street Art Touren an.

Genauso hoffe ich sehr, dass die Initiative der Künstler im Alafuzov Loft als etwas Wertvolles angesehen wird! Ich wünsche ihnen, dass sie Unterstützung bekommen, so dass sie an der Kunst dranbleiben können. Alles ohne Einschränkung, mit viel gestalterischer Freiheit. 

Zu dieser Reise wurde ich von Visit Tatarstan eingeladen. Ganz herzlichen Dank dafür! Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

 

Damit du einen kleinen Eindruck bekommst, klicke unten auf eines der Fotos und schau dir die  Street Art als Fotogalerie in grossem Format an.

 

Weitere Informationen und Fotos vom Alafuzov Loft

findest du online auf Instagram

Buchtipp:

Wenn dich die Geschichte von Street Art näher interessiert:

Graffiti und StreetArt (* bei Amazon anschauen)

 

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